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Liebe Leserin, lieber Leser,

die Spannung steigt: Nur noch wenige Tage, dann kennen wir die Ergebnisse der Bundestagswahl 2021. Egal, wer die Wahl „gewinnt“ – die Fahrradwirtschaft, aber auch viele weitere gesellschaftliche Gruppen erwarten, dass die neue Bundesregierung jetzt die Verkehrswende in Deutschland beherzt und umsetzungsorientiert angeht. Die Zeit drängt und der Handlungsbedarf ist offenkundig.

Bereits entschieden ist die vorläufige Bilanz der wichtigsten Messen in diesem Herbst, der Eurobike und der IAA Mobility. Da sind zum einen die nackten Zahlen an Besucher*innen. Für die Zukunft allerdings von größerer Bedeutung: Welche Konzepte werden sich durchsetzen? Wie breit sollte eine Leitmesse der Fahrradwirtschaft angelegt sein, welche Themen muss sie abdecken, welche wirtschaftlichen Funktionen erfüllen? Wie kann es gelingen, die Öffentlichkeit mit der Messe noch mehr für das Fahrrad zu begeistern? In diesem Newsletter berichten wir unter anderem, welche Tendenzen hier erkennbar sind.

Ihr
unterschrift_ah
Albert Herresthal
Informationsdienst Fahrradwirtschaft
Die Themen dieser Ausgabe:
  1. Radverkehrspolitik: Fahrradindustrie benennt wichtige Schwerpunkte 
  2. Eurobike: Fahrrad-Leitmesse zieht nach Frankfurt
  3. Industrie im 1. Halbjahr 2021: Produktion und Exporte gesteigert
  4. Innovationen: 36 Eurobike-Awards verliehen
  5. Europa: Portugal ist das führende Produktionsland
  6. IAA Mobility: Umstrittene Messe in München
  7. Mikromobilität: Probleme mit E-Scootern in Großstädten
  8. Kurzmeldungen
  9. Termine
Grundlagenpapier des ZIV





Radverkehrspolitik:
Fahrradindustrie benennt wichtige Schwerpunkte

Sieben Punkte umfasst das Grundlagenpapier, das der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) für die neue Legislaturperiode entwickelt hat. Auf sie kommt es in besonderer Weise an, wenn die Verkehrswende gelingen soll. Schwerpunkte bilden dabei ein neues Straßenverkehrsrecht, die Stärkung des Fahrrad-Wirtschaftsstandortes Deutschland, die Förderung von Lastenrädern und eine Offensive in Bildung und Forschung. Der ZIV macht in dem 12-seitigen Dokument detaillierte Verbesserungsvorschläge, die Sie hier einsehen können.

Insbesondere die Forderung nach einer grundlegenden Reform des Straßenverkehrsgesetzes (SVG), wird von vielen Akteuren aus der Fahrradwelt unterstützt. Dabei geht es u.a. um die Abkehr von der einseitigen Orientierung auf den fließenden Kfz-Verkehr und um die Aufnahme zeitgemäßer Ziele wie Klima-, Umwelt- und Gesundheitsschutz, Vision Zero und Lebensqualität im Umfeld von Straßen. Ein solcher Wandel wird von namhaften Gruppierungen gefordert, z.B. vom ADFC, BVZF, VSF, Agora Verkehrswende und VCD („Bundesmobilitätsgesetz“).

Einen Schritt weiter geht die neue ADFC-Bundesgeschäftsführerin Ann-Kathrin Schreiber. Sie fordert die Umwandlung des BMVI in ein Verkehrswende-Ministerium, um eine neue Ausrichtung deutlich zu machen. Auf Landesebene besteht Ähnliches bereits in Hamburg: Seit 2020 gibt es hier die „Behörde für Verkehr und Mobilitätswende“.
Eurobike

Eurobike:
Fahrrad-Leitmesse zieht nach Frankfurt

Nachdem sie im Vorjahr Corona bedingt ausfallen musste, konnte die Eurobike nun wieder vom 1.-4. September in Friedrichshafen stattfinden. 630 Aussteller*innen aus 68 Nationen lockten 18.770 Fachbesucher*innen und 13.424 Besucher*innen der „Festival Days“ an den Bodensee. Damit lag der Zuspruch in diesem Jahr über den Erwartungen. Seitens der Bundespolitik kamen Cem Özdemir (Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Bundestages) und Gero Storjohann (Vorsitzender Parlamentskreis Fahrrad) persönlich zur Eurobike; die Kanzlerin schickte eine Videobotschaft.

Nach 30 Jahren hat sich die Eurobike mit dieser letzten Messe aus Friedrichshafen verabschiedet, eine Ära geht damit zu Ende. Künftig wird sie in Frankfurt stattfinden, durchgeführt in Kooperation mit der Messe Frankfurt. Hierfür wurde eigens die neue Gesellschaft „fairnamic“ gegründet, an der die Messe Friedrichshafen die Mehrheit hält.

Gründe für den Umzug nach Frankfurt sind die zentrale Lage und bessere Infrastruktur der hessischen Metropole. Zugleich sollen die Chancen für eine konzeptionelle Neuausrichtung der Eurobike genutzt werden. Vom 13.-17. Juli 2022 wird die „neue“ Eurobike stattfinden. Nach drei Fachbesuchertagen soll es zwei Tage für Verbraucher*innen geben, bei Stärkung des Erlebnischarakters. Eine besondere Rolle spielt künftig die gesellschaftlich-politische Komponente (B2G) des Radfahrens. Eine zusätzliche Stärkung erfährt die Eurobike dadurch, dass die größte europäische Einkaufskooperation, die ZEG, künftig auf eigene Veranstaltungen verzichten und ausschließlich auf der Eurobike ausstellen wird.
Marktdaten 1. Halbjahr 2021

Industrie im 1. Halbjahr 2021:
Produktion und Exporte gesteigert

Trotz der immer noch schwierigen Lieferkettensituation ist die deutsche Fahrrad- und E-Bike-Industrie weiterhin auf Wachstumskurs. Nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) wurden gegenüber dem Vorjahreszeitraum 1,8% mehr Fahrzeuge in Deutschland hergestellt (1,41 Mio. Stück). Die Steigerung bei den E-Bikes lag bei 11,7%, während die Produktion nicht motorisierter Fahrräder um 9,1% zurückging. 

Die deutsche Fahrradindustrie konnte zudem ihre Exportleistung deutlich erhöhen. So wurden 10,6% mehr Fahrzeuge ins Ausland verkauft, hier umfasst die Steigerung sowohl E-Bikes (16,6%) als auch herkömmliche Fahrräder (7%). Der deutsche Markt wurde im 1. Halbjahr 2021 verstärkt auch durch Importe versorgt (+11,7%). Allerdings besteht aktuell insgesamt eine Unterversorgung des Marktes und es steht zu erwarten, dass die weiterhin vorhandenen Lieferprobleme die Industrie stärker ausbremsen werden. Nicht zuletzt durch die weltweite Rohstoff-Knappheit und deutlich gestiegenen Transportkosten ist von einer Verteuerung der Ware auszugehen. Marktdaten 1. Halbjahr 2021

Eine Abflachung exorbitanter Steigerungsraten ist auch im Fachhandel spürbar. Zwar wuchs im qualitätsorientierten Fachhandel laut „wob-Fachhandelsbarometer“ im 1. Halbjahr 2021 der Umsatz noch um 4% gegenüber dem Vorjahreszeitraum, aber die Kurve geht mittlerweile leicht nach unten – auch mangels Ware.
Preisträger Eurobike-Award 2021

Innovationen:
36 Eurobike-Awards verliehen

Zum 16. Mal wurden auf der Eurobike in diesem Jahr auch die Eurobike-Awards verliehen. Eine sechsköpfige Jury, bestehend aus Insidern der Fahrradmedien und des Radsports sowie Technik-Experten hatte zuvor das zukunftsweisende Potenzial von fast 250 Produkten bewertet. In den Kategorien Fahrräder mit und ohne Antrieb, Bekleidung und Zubehör, Fahrradkomponenten sowie Nachhaltigkeit wurden 36 Produkte mit dem begehrten Eurobike-Award geehrt. Für eine außergewöhnliche Innovationsleistung wurden sieben Produkte zusätzlich mit dem Gold Award sowie sechs Neuheiten mit dem Start-Up-Award ausgezeichnet. Neben zahlreichen technischen Innovationen an Schaltwerk und Fahrradteilen sind unter anderem neue Cargobike-Modelle, eine faltbare Titantrinkflasche und Fahrradbekleidung für Schwangere unter den Preisträgern. Eine Übersicht über alle Eurobike-Award-Gewinner*innen finden Sie hier.
Länderstatistik Eurostat

Europa:
Portugal ist das führende Produktionsland

Die Versorgungsengpässe der Fahrradwirtschaft, bedingt durch die vielschichtigen Folgen der Corona-Pandemie, haben die Attraktivität der europäischen Produktion von Fahrrädern und Fahrradteilen weiter erhöht. Laut der jüngst veröffentlichten Daten der Statistikbehörde Eurostat wurden im vergangenen Jahr 12,2 Mio. Fahrräder in Europa produziert. Mit einem Output von 2,6 Millionen Einheiten belegt Portugal zum zweiten Mal in Folge den Rang des größten Fahrrad-Produzenten Europas – gefolgt von Italien (2,2 Mio.) und Deutschland (1,3 Mio.). Mehr zur Statistik
 
Neuester Baustein der Fahrradproduktion in Portugal ist das Projekt Carbon Team. Bereits im Juli wurde durch den portugiesisch-deutsch-taiwanesischen Zusammenschluss im portugiesischen Camoia die erste automatisierte Karbon-Fahrradrahmen-Fabrik außerhalb Asiens eröffnet. 2024 sollen dort 25.000 Karbonrahmen pro Jahr produziert werden.
IAA Mobility_Angela Merkel

IAA Mobility:
Umstrittene Messe in München

Begleitet von Protesten und unter dem Schutz eines Aufgebots von 4.500 Polizist*innen fand vom 6.-12.9. in München die IAA Mobility statt. Zur Eröffnung gaben sich u.a. Kanzlerin Merkel, Bundesverkehrsminister Scheuer, die Ministerpräsidenten Söder und Kretschmann die Ehre. Diese Verbeugung vor der Automobilindustrie und dem Veranstalter VDA wurde beim Rundgang später dann wenigstens noch durch den Besuch bei zwei Ausstellern aus der Fahrradbranche (Kettler und Pierer Mobility) ergänzt.

Mit 400.000 Messebesucher*innen gab es einen deutlichen Rückgang (letzte IAA: 560.000), jedoch waren beide Veranstaltungen im Hinblick auf Messedauer und Konzept nicht vergleichbar. 744 Aussteller präsentierten sich auf dem Messegelände, aber auch auf „Open Spaces“ im Stadtzentrum von München. Autohersteller belegten 98 zumeist größere Ausstellungsflächen. Der Fahrrad- und E-Bike-Bereich war mit 75 Marken vertreten. Zum Programm der IAA Mobility gehörte ein vielfältiges Kongress- und Vortragsprogramm. Parallel zur Messe veranstaltete die Stadt München einen viertägigen Mobilitätskongress. Außerdem gab es einen weiteren Kongress der Initiative „Kontra IAA“, zu der Verbände wie Changing Cities, BUND und Attac Deutschland gehören. 

Massive Proteste begleiteten die IAA Mobility. So blockierten Aktivist*innen die Autobahn, Greenpeace demonstrierte vor dem IAA-Gelände und Gruppen wie „Sand im Getriebe“ störten mehrmals den Ablauf. Die IAA-Gegner*innen verwiesen auf die Mitverantwortung der Auto-Lobby an der Klimakrise, forderten eine konsequente Verkehrswende und bezeichneten das neue IAA-Konzept als Greenwashing. Am 10.9. nahmen zudem 25.000 Menschen an einer Sternfahrt und Kundgebung des ADFC und anderer Gruppen, wie dem VCD, unter dem Motto #aussteigen gegen die IAA teil.

Offener Brief von Münchner Umwelt-, Verkehrs- und Klimaschutzorganisationen
E-Scooter

Mikromobilität:
Probleme mit E-Scootern in Großstädten

Wer kennt sie nicht, die neuen Stolperfallen auf dem Gehweg? Vor allem in den Städten ist die Begeisterung für die kleinen Flitzer einer Ernüchterung gewichen. Die Hoffnung, dass E-Scooter einen Beitrag zur Verkehrswende leisten und PKW-Fahrten ersetzen, hat sich bisher nicht erfüllt. Stattdessen geraten die Fahrzeuge immer wieder in die Schlagzeilen, weil sie kreuz und quer in der Stadt herumliegen und weil es auffallend viele schwere Unfälle mit ihnen gibt. Ein großes Problem besteht darin, dass viele Nutzer*innen nachts auch alkoholisiert damit unterwegs sind. Jetzt ziehen erste Städte Konsequenzen.

Während Köln am 3.9. eine Verordnung in Kraft setzte, nach der die Anzahl der Scooter in der Innenstadt künftig statt aktuell 7.000 nur noch 4.500 betragen soll, dürfen in der Stadt Oslo seit dem 10.9. keine Nachtfahrten zwischen 23 und 5 Uhr mehr erfolgen. Die norwegische Hauptstadt zieht hiermit die Konsequenzen aus überfüllten Notaufnahmen der Krankenhäuser. So mussten dort im Monat Juli 400 E-Scooter-Verletzte behandelt werden, fast die Hälfte der Unfälle geschah nachts. Durch eine Verordnung soll die Anzahl der Scooter von aktuell fast 25.000 auf künftig 8.000 reduziert werden. Auch Kopenhagen hat auf die chaotische Abstellpraxis reagiert und verbietet das Parken der Fahrzeuge in der Innenstadt komplett.

Die international agierenden Anbieter der Leihroller zeigen sich kooperativ und arbeiten nun selbst an Lösungen für die gravierendsten Probleme des wilden Parkens und der Unfallquote, um ihr Geschäftsmodell zu retten. Zukunft offen.

Kurzmeldungen

Hermino Katzenstein
Kopf des Monats
Hermino Katzenstein, MdL in Baden-Württemberg, gab auf der Eurobike die Gründung eines fraktionsübergreifenden Parlamentskreises Fahrrad bekannt. Bisher gibt es nur im Deutschen Bundestag einen Parlamentskreis Fahrrad. Die konstituierende Sitzung wird im November im Stuttgarter Landtag stattfinden.
Consumer-Befragung der IFH Köln
Konsumzurückhaltung
Die Erfahrungen mit den Lockdowns hinterlassen bei den Menschen ihre Spuren. Bei einer Verbraucherbefragung des Instituts für Handelsforschung Köln (IFH) gaben 47% der Bevölkerung an, während der Pandemie gemerkt zu haben, dass sie nicht so viele Produkte benötigen, wie sie üblicherweise kaufen.
E-Scooter im Rhein
Zahl des Monats
500 E-Scooter wurden von Tauchern in den letzten acht Monaten bei Köln im Rhein gesichtet. Sie müssen nun durch die Betreiber der Verleihsysteme geborgen werden. Die Stadt will künftig die Anzahl und Verteilung der Fahrzeuge reglementieren und verhängt in einigen Hotspots Parkverbote. Über Nachtfahrverbote wird diskutiert. 
Bild des Monats: Greenpeace-Demonstration am Eröffnungstag der IAA Mobility in München. Die Auseinandersetzungen um den richtigen Weg zur Verkehrswende nehmen an Schärfe zu. Die Rolle des Automobils bleibt dabei umstritten.

Termine

  • Der Radlogistikverband Deutschland veranstaltet am 28. und 29. September in Frankfurt die zweite Nationale Radlogistik-Konferenz 2021 für urbane Logistik mit Lastenrädern. Zielgruppe sind Wirtschaft, Politik, Forschung und Verwaltung. Der hessische Verkehrsminister eröffnet die Veranstaltung.

  • Am 1. und 2. Oktober findet in Berlin das Festival VELOTransport statt mit einer Fachkonferenz am ersten Tag und einer Ausstellung mit buntem Rahmenprogramm rund um das Cargo-Bike am zweiten Tag. 

  • Vom 15.-17. Oktober feiert die Mountainbike-Szene das traditionsreiche Bike Festival am Gardasee. Es verbindet sportliche Veranstaltungen mit einer großen Produktschau.

Team Fahrradwirtschaft Insight

Teamfoto
Der führende Kopf hinter dem Newsletter ist Albert Herresthal. Er kann auf reichhaltige Erfahrung mit Politik und Fahrradwirtschaft verweisen. Durch seine langjährige Tätigkeit als Geschäftsführer des Verbund Service und Fahrrad (VSF e.V.) ist er mit den relevanten Köpfen der Branche bestens verbunden. Er ist für die inhaltliche Ausgestaltung und den Kontakt zu den Empfänger*innen in Politik und Verwaltung sowie der Fahrradwirtschaft zuständig.

Auch Hendrikje Lučić (oben links) ist seit vielen Jahren in der politischen Arbeit für die Fahrradwirtschaft aktiv. Sie war für den VSF e.V. unter anderem als Leiterin des Hauptstadtbüros tätig und dort für den Bereich Public Affairs zuständig. Bei Fahrradwirtschaft Insight ist sie für die inhaltliche und strategische Ausgestaltung des Newsletters mitverantwortlich.

Anne Kreidel ist Fundraiserin und verfügt über langjährige Marketing- und Kommunikationserfahrung. Sie war in Unternehmen, in Kultur- und Umweltorganisationen tätig, u.a. bei Changing Cities. Im Team Fahrradwirtschaft Insight ist sie für die visuelle Gestaltung, Lektorat und den Versand des Newsletters zuständig.
Fotonachweis: 1. ZIV, 2. Eurobike, 3. rawpixel, 4. Eurobike, 5. Eurostat, 6. IAA Mobility, 7. unsplash, 8. 1) Website Hermino Katzenstein, 2) IFH Köln, 3) K.R.A.K.E. (Kölner Rhein-Aufräum-Kommandoeinheit), 4) Gordon Welters / Greenpeace. Teamfoto: Antonia Richter
Albert Herresthal, Public Affairs Bike & Mobility
Argestr. 8
26607 Aurich
Deutschland
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