Header 650 pixels wide image

Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Zeit der Pandemie verlangt uns einiges an Flexibilität ab. Ob es persönliche, berufliche oder geschäftliche Planungen sind – alles steht unter Vorbehalt. Für manches ist es sinnvoll, nur noch „auf Sicht“ zu fahren. Und auch Gelerntes über das Virus befindet sich erneut im Wandel.

Für die Politik ist dieser Schwebezustand nicht angenehm. Die neue Regierung tritt ja mit dem Anspruch an, „mehr Fortschritt“ zu wagen. Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sind zentrale Werte im Koalitionsvertrag. Da erwarten die Bürgerinnen und Bürger durchaus Konkretes. Unsere Aufmerksamkeit gilt da in besonderer Weise der Verkehrspolitik.

Wie es z.B. um die Freiheit unserer Kinder steht, und um Gerechtigkeit, wenn sie Nachhaltigkeit üben sollen, das zeigt unser „Video des Monats“, auf das ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte. Der offenkundige Handlungsbedarf schreit zum Himmel. Das war auch schon so vor Corona. Doch nun ist es höchste Zeit zum Handeln. Radfahren darf nicht zur Risikosportart werden.

Welche Lehren sind aus der Pandemie zu ziehen? Die Fahrradwirtschaft wird ihre Strukturen resilienter entwickeln, Lieferketten überdenken und lange Transportwege reduzieren, auch aus Klimaschutzgründen. Einige positive Beispiele finden Sie in diesem Newsletter. Immer muss es auch um Verbesserungen von Produktqualität, Sicherheitstechnik und Langlebigkeit gehen.

Damit die Mobilitätswende in Deutschland gelingen kann, braucht aber auch die Politik jetzt einen „Booster“, eine wirkungsvolle Strategie für Klimaneutralität, lebenswerte Städte und mobile Menschen in einer gesunden Umwelt. Dass Fahrräder und E-Bikes hierbei eine zentrale Rolle spielen werden, liegt auf der Hand.

Zuversichtliche Grüße sendet Ihnen

Ihr
unterschrift_ah
Albert Herresthal
Informationsdienst Fahrradwirtschaft
Die Themen dieser Ausgabe:
  1. Börsenbarometer: Fahrradwerte 2021 erfolgreich
  2. Finanzinvestoren: Fahrradbranche im Fokus
  3. Fahrradproduktion: "Made in Europe" auf dem Vormarsch
  4. Eurobike 2022: Leitmesse setzt verkehrspolitische Akzente
  5. Qualifizierung: Meisterprüfung überarbeitet und modernisiert
  6. Globale Lieferketten: Anhaltende Schwierigkeiten und vorsichtiger Optimismus
  7. Stadtverträgliche Geschwindigkeiten: Rückenwind für Initiative des Deutschen Städtetags
  8. Kurzmeldungen
  9. Termine
Börsenbarometer

Börsenbarometer:
Fahrradwerte 2021 erfolgreich

Auch das zweite Jahr der Pandemie war für die weltweite Fahrradwirtschaft überdurchschnittlich erfolgreich. Das zeigen erste Auswertungen des Fachjournalisten Jo Beckendorf für das Branchenmagazin RadMarkt. Von den 34 ausgewählten Werten, für die es Vergleichszahlen aus 2020 gibt, haben 82,4% das Börsenjahr 2021 im Plus abgeschlossen. Die meisten davon lagen dabei deutlich über dem Jahresplus des Deutschen Leitindexes DAX in Höhe von 16%. 

Auch darüber hinaus war 2021 ein Jahr mit starkem Wachstum. So konnten im Jahresverlauf weitere zehn Unternehmen in das RadMarkt-Börsenbarometer aufgenommen werden – die Fahrradwirtschaft scheint für immer mehr Investoren attraktiv zu werden. Fünf dieser zehn Unternehmen sind Börsen-Newcomer und fünf weitere waren bereits mit anderer Ausrichtung an der Börse gelistet, haben inzwischen aber verstärkt in den Fahrradmarkt investiert.

Soeben wird zudem bekannt, dass auch die italienische Selle Royal Group an die Börse Mailand strebt. Das Unternehmen machte zuletzt einen Umsatz von 205 Mio. Euro. Zu Selle Royal gehört u.a. der britische Sattelhersteller Brooks.

Aktuelle Rekordzahlen gibt es auch von der Pierer Mobility AG, die mit drei Marken in Deutschland präsent sind. Der aktuelle Jahresumsatz liegt bei gut 2 Mrd. Euro. Der Fahrradsektor erreichte 2021 ein Absatzwachstum um 40%. Der Anteil an E-Bikes liegt hier bei rund 74%.
Finanzinvestition





Finanzinvestoren:
Fahrradbranche im Fokus

Der Umsatzboom macht die Fahrradwirtschaft auch für branchenfremde Investoren attraktiv. So versucht aktuell ein Konsortium um den US-Investor KKR den niederländischen Accell-Konzern für insgesamt 1,56 Mrd. Euro zu übernehmen. Accell gilt als der größte Fahrradhersteller Europas mit Produktionsstandorten in Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Finnland und Ungarn. Bekannte Accell-Marken sind z.B. Winora, Raleigh, Batavus, Koga und Haibike. Der Umsatz 2020 wurde mit 1,3 Mrd. Euro (+ 17% zum Vorjahr) beziffert.

Das Übernahmeangebot von KKR scheint gut vorbereitet zu sein, das Accell-Management ist bereits eingebunden und auch die bisherigen Großaktionäre befürworten den Schritt. An der amsterdamer Börse, wo Accell-Aktien gehandelt werden, schoss der Kurs sogleich um 24% nach oben.
Europa

Fahrradproduktion:
"Made in Europe" auf dem Vormarsch

Die Verletzlichkeit globaler Produktions- und Distributionsketten wurde auch deutschen Herstellern in den letzten zwei Jahren schmerzlich vor Augen geführt. Mit Lockdowns und Hafenschließungen, vor allem in Asien, mit Containerknappheit und deutlichen Preissteigerungen hatten zuletzt auch viele Fahrradproduzenten hierzulande zu kämpfen. Einige verlagern einen Teil der Produktion aus Kosten- und Logistikgründen nun wieder zurück nach Europa. Neben Portugal sind vor allem osteuropäische Staaten attraktiv (wir berichteten). Ein Trend, der schon vor Corona begann, sich nun aber verstärkt fortsetzt.

Aktuell plant Pon.Bike, die Fahrradsparte einer niederländischen Holding mit weltweiter Fahrradproduktion, die Errichtung eines neuen Werks in der Sonderwirtschaftszone Kédainiai in Litauen (Bild) mit einer Produktionskapazität von 600.000 Fahrrädern und 500 Beschäftigten. Ein weiteres Beispiel für den neuen Trend, Kapazitäten in Europa aufzubauen, ist der oberbayerische Hersteller Corratec. Durch die Übernahme einer westrumänischen Fabrik können künftig 400.000 Fahrräder und E-Bikes pro Jahr im neuen Werk vom Band laufen. Die benötigte Elektrizität stammt aus der eigenen Fotovoltaik-Anlage.
Eurobike 2022





Eurobike 2022:
Leitmesse setzt verkehrspolitische Akzente

Mit einer Konzepterweiterung in Richtung zukünftiger Mobilitätsformen und insbesondere auch urbaner Mobilität reagiert der Messeveranstalter der Eurobike, die fairnamic GmbH, auf entsprechende Diskussionen in der Fahrradwirtschaft. Nicht zuletzt ausgelöst durch die letztjährige IAA Mobility in München, die offensiv auf das Mobilitätsthema gesetzt hatte, waren aus der Branche entsprechende Forderungen an die Eurobike laut geworden. Entsprechend positiv waren nun die Reaktionen auf die Pläne der Messemacher.

Nachdem sich die Eurobike 2021 noch mit dem Slogan „Only Bikes. No Cars.“ vom Konzept der IAA Mobility abzugrenzen versucht hatte, findet nun also eine Öffnung über die „klassischen“ Fahrradthemen hinaus statt. Dazu arbeitet die Messe mit dem MotionLab.Berlin zusammen, einem nach eigenem Verständnis „Hardtech Innovation Hub“, zu dem 70 Start-Ups und über 500 weitere Mitglieder gehören – eine Ideenschmiede, bei der vor Ort auch konkrete Produkte entwickelt und gefertigt werden. Auch die seit 2018 bestehende Kooperation mit dem Berliner „Think-and-Do-Tank“ cargobike.jetzt wird ausgebaut. Der Bereich Transporträder hat sich nicht nur bei der Messe als Anziehungspunkt entwickelt. Auch am Markt spielt diese Gattung eine immer größere Rolle. Die Eurobike 2022 will sich daher als Anziehungspunkt für die Cargobike-Szene weiter etablieren. Außerdem erhält das Thema „Infrastruktur“ einen größeren Stellenwert.

Die Eurobike 2022 findet vom 13.-17. Juli auf dem Messegelände in Frankfurt am Main statt. Als Schaufenster für innovative Mobilitätslösungen der Zukunft dürfte sie auch für die Politik an Attraktivität gewinnen.
Mechaniker

Qualifizierung:
Meisterprüfung überarbeitet und modernisiert

Das Zweiradmechaniker*innenhandwerk ist ständigen technischen Neuerungen unterworfen. Besonders die Digitalisierung nimmt in der Branche zu, ebenso die Komplexität durch vernetzte, motorunterstützte Fahrräder (Pedelecs). Aus diesen Gründen wurde nun die Meister*innenprüfungsverordnung überarbeitet. Modernisiert wurden die Teile „Fachpraxis“ und „Fachtheorie“. Dabei wurden auch die didaktischen Anforderungen heutigen Ansprüchen angepasst.

Die Prüfung der Fachpraxis umfasst ein 300-minütiges Meister*innenprüfungsprojekt und ein 30-minütiges Fachgespräch. Beim Prüfungsprojekt werden Herstellung, Umrüstung oder Instandhaltung eines Zweirads geplant, umgesetzt und dokumentiert. Eine 150-minütige Situationsaufgabe sieht vor, dass der/die zu Prüfende an motorisierten Zweirädern, die über vernetzte Systeme verfügen, Diagnosearbeiten durchführt, Schadensbilder analysiert und Funktionsstörungen behebt. 

Der theoretische Teil besteht aus drei schriftlich anzufertigenden Prüfungsarbeiten im Umfang von jeweils drei Stunden. Hier werden die Beherrschung und Anwendungsqualifikation fachtheoretischer Kenntnisse geprüft.
Globale Lieferketten

Globale Lieferketten:
Anhaltende Schwierigkeiten und vorsichtiger Optimismus

Auch für das Jahr 2022 werden für die Fahrradwirtschaft Lieferschwierigkeiten aufgrund von anhaltendem Materialmangel und Problemen in den Lieferketten prognostiziert. Für Gaby Bornheim, Präsidentin des Verbandes Deutscher Reeder, ist eine nachhaltige Stabilisierung der Lieferketten erst nach dem Ende der Pandemie zu erwarten. Weltweit haben Reedereien mit Schwierigkeiten aufgrund von Restriktionen bei der Be- und Entladung, Mangel an Containern und Ausfällen von Arbeitskräften zu kämpfen. Der Ökonom Vincent Stamer vom Kiel Institut für Weltwirtschaft schätzt, dass derzeit weltweit mehr als elf Prozent der verschifften Güter auf unbewegten Schiffen auf die Entladung wartet. 

Eine wesentliche Ursache für die Probleme in den Lieferketten ist die Just-in-time-Produktion mit ihrer engen Taktung der Lieferketten sowie den starken Schwankungen in Order- und Konsumverhalten. Sie führen zu einer Anfälligkeit gegenüber Unterbrechungen, beispielsweise durch fehlende Produktionsbestandteile.

Die Situation könnte sich jedoch in den nächsten Monaten leicht entspannen. Zumindest wurde dies mit vorsichtigem Optimismus zum Jahreswechsel von Hapag Lloyd verkündet. Für die deutschen Fahrradhersteller und den Handel sind dies gute Nachrichten angesichts der massiven Probleme im vergangenen Jahr.

Mehr zum Thema Supply-Chain-Optimierung
Deutscher Städtetag

Stadtverträgliche Geschwindigkeiten:
Rückenwind für Initiative des Deutschen Städtetages

Nach dem überraschenden „Aus“ für ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen im Koalitionsvertrag hatten politische Insider bereits über die Gegenleistung für dieses Zugeständnis an die FDP spekuliert. Nun deutet sich an, wohin die Reise gehen könnte: zu verringerten innerörtlichen Geschwindigkeiten. Nachdem sich die früheren Verkehrsminister stets geweigert hatten, die Anordnung von Geschwindigkeitsbeschränkungen durch die Kommunen rechtlich zu erleichtern, deutete Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) nun gegenüber dem „Tagesspiegel“ an: "Die Kommunen vor Ort wissen am besten, was für ihre Bewohner gut ist. Deshalb bin ich offen für unterschiedliche Lösungsansätze und Experimentierfelder". Zahlreiche Studien belegen, dass geringere Geschwindigkeiten des Kfz-Verkehrs ein wichtiger Stellhebel für lebenswerte und sicherere Städte sind, besonders auch für Zufußgehende und Radfahrende.

Der Verkehrsminister reagiert mit seiner Ankündigung auf eine Initiative des Deutschen Städtetages, der sich in den letzten Monaten immer mehr Städte angeschlossen haben. Zu deren “Initiative für lebenswerte Städte durch stadtverträgliche Geschwindigkeiten“ gehören zurzeit mehr als 70 Städte, darunter Frankfurt, Köln, Leipzig und Hannover. Auch die neue Berliner Verkehrssenatorin will, dass die Hauptstadt hier künftig mit dabei ist.

Kurzmeldungen

Helmut Dedy
Kopf des Monats
Der Pragmatische. Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, versucht erfolgreich mit seiner Städteinitiative für Tempo-30 ideologische Blockaden zu überwinden. Sein Argument: Vor Ort sind konkrete Entscheidungen über angemessene Geschwindigkeiten am besten zu treffen. In diese Richtung denkt nun auch der neue Bundesverkehrsminister.
SKS Germany
100 Jahre SKS
Zur Freude über das Jubiläum erzielte SKS Germany 2021 einen Umsatzrekord. Der sauerländische Hersteller von Fahrradkomponenten fertigte in Sundern u.a. 6,5 Mio. Radschützer („Schutzbleche“) und 1,2 Mio. Luftpumpen. Jetzt wird in ein neues Logistikzentrum vor Ort investiert.
Fahrradmonitor
Zahl des Monats
16,4 Mio. Menschen fahren als Konsequenz der Corona-Pandemie häufiger Fahrrad. Dies ist ein Ergebnis des aktuellen Fahrrad-Monitors zu den Veränderungen individuellen Mobilitätsverhaltens im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Der Zuwachs beim Fußverkehr liegt sogar nochmals um 50% höher.
Schulweg in Berlin
Video des Monats: Die bittere Realität für den Schulweg unserer Kinder - hier dokumentiert im Video des Monats, das unter die Haut geht (Ton einschalten!). Danach erübrigen sich alle Diskussionen darüber, warum und für wen wir überall sichere Radwege brauchen. 

Termine

  • Der AGFS-Kongress 2022 findet am 17. Februar unter der Überschrift „Los Geht´s!“ online statt. Im Mittelpunkt steht das neue Fahrrad- und Nahmobilitätsgesetz in NRW. Die Teilnahme ist kostenlos. Programminfos und Anmeldung hier.

  • Für Live-Publikumsmessen ist die aktuelle Corona-Lage immer noch sehr schwierig. Stattfinden soll auf dem Messegelände in Essen vom 17.-20. Februar die „Fahrrad Essen“, die durch weitere Freizeitthemen ergänzt wird.
    Soeben abgesagt wurde hingegen die „f.re.e“ in München, die für den 16.-20.2. geplant war.
  • Sitzungswochen des Deutschen Bundestages finden vom 14.-18. Februar sowie vom 14.-18. und vom 21.-25. März statt. Die nächsten Plenarsitzungen des Bundesrats sind für den 11. Februar und den 11. März angekündigt. 

Team Fahrradwirtschaft Insight

Teamfoto
Herausgeber des Newsletters ist Albert Herresthal. Er kann auf reichhaltige Erfahrung mit Politik und Fahrradwirtschaft verweisen. Durch seine langjährige Tätigkeit als Geschäftsführer des Verbund Service und Fahrrad (VSF e.V.) ist er mit den relevanten Köpfen der Branche bestens verbunden. Er ist für die inhaltliche Ausgestaltung und den Kontakt zu den Empfänger*innen in Politik und Verwaltung sowie der Fahrradwirtschaft zuständig.

Auch Hendrikje Lučić (Mitte) ist seit vielen Jahren in der politischen Arbeit für die Fahrradwirtschaft aktiv. Sie war für den VSF e.V. unter anderem als Leiterin des Hauptstadtbüros tätig und dort für den Bereich Public Affairs zuständig. Bei Fahrradwirtschaft Insight ist sie für die inhaltliche und strategische Ausgestaltung des Newsletters mitverantwortlich.

Anne Kreidel ist Fundraiserin und arbeitet seit langem im Bereich Marketing und Kommunikation. Sie ist in Unternehmen, in Kultur- und Umweltorganisationen tätig, war u.a. bei Changing Cities. Aktuell arbeitet sie für die Hamburger Kunsthalle. Im Team Fahrradwirtschaft Insight übernimmt sie die Umsetzung und den Versand des Newsletters.
Fotonachweis: 1. Deutsche Börse Group, 2. Pexels / Pixabay, 3. Unsplash / Christian Lue, 4. Website Eurobike, 5. pd-f / Sebastian Hofer, 6. Website Hapag Lloyd, 7. Website Deutscher Städtetag, 8. Website Deutscher Städtetag, 9. SKS Germany, 10. pd-f / winora staiger, 11. (Screenshot) Video: Fabian Hickethier / Teamfoto: Antonia Richter
Herresthal Consulting Public Affairs Bike & Mobility
Argestr. 8
26607 Aurich
Deutschland

info@herresthal.org
 
Wenn Sie diese E-Mail (an: info@herresthal.org) nicht mehr empfangen möchten, können Sie diese hier kostenlos abbestellen.